Albanische Impressionen

Eine steife Briese bläst uns von Korfu Richtung Sarande, dem Einklarierungshafen in Albanien. Unsere Gefühle sind gemischt, die Informationen spärlich; einige Fotos auf dem ipad aus einem Buch von Seglern, die wir unterwegs getroffen haben, ein Hafenhandbuch per Zufall noch in Korfu entdeckt und eine Visitenkarte eines albanischen Agenten von einem Segler, der die albanische Küste abgesegelt hat. Wie empfohlen, rufen wir den Agenten etwa eine Stunde vor dem Einlaufen an und erkundigen uns noch, an welchem Pier wir genau festmachen sollen. Später lachen wir darüber, der Hafen ist so klein, dass eh nur 5-6 Boote nebst den Fähren aus Korfu Platz haben!

Bereits beim Anlegen begegnen wir zum ersten mal der albanischen Freundlichkeit: Gasment, der Agent ist persönlich behilflich, der Papierkram ist nach einer halben Stunde erledigt und Giancarlo
bringt ein Willkommens-Geschenk an Bord: eine Tüte voller Birnen aus seinem Garten!

Sarande liegt in einer weiten Bucht mit einem langen Kiesstrand, dahinter eine Promenade, auf welcher abends die Einwohner der Stadt und einige Touristen hin und her flanieren. Der Ort selber besteht aus schmucklosen, mehrstöckigen Häusern mit Flachdach, lieblos dem Hügel entlang verteilt.
Die rege Bautätigkeit hat hässliche Narben in der so schon kargen Landschaft hinterlassen, ohne anschliessend die Umgebung wieder zu gestalten.

Wir speisen wohl im besten Restaurant der Stadt, mit Blick auf den kleinen Fischerhafen. Ausgezeichneter Fisch und Meeresfrüchte, frischer Salat und das beste je gegessene Karamelköpfli für ca. 20 Euro für uns beide!

Wir bleiben 2 Tage, Gasment oder seine Frau Jelja organisieren uns ein Mietauto, geben Tipps zu Ausflügen, erklären uns, wo wir den Obst- und Gemüsemarkt finden und bringen immer wieder kleine Geschenke mit: frische Oregano- und Kamillenbüschel zum trocknen oder ein Kabel für den
Computer, das Giancarlo gesucht hat.

Porto Palermo ist die erste Bucht, die wir anlaufen. In einer idyllischen Umgebung liegt die kleine Halbinsel mit dem Fort des Ali Pasha Tepelene, gegenüber ein Restaurant und ein paar Häuser, das ist alles. Ruinen ehemaliger Soldatenunterkünfte und ein halb verfallener, 2 Meter hoher Anleger für
Kriegsschiffe vervollständigen das Bild. Den Quai teilen wir uns mit einem Motorboot. Dessen Fahrer erklärt uns, dass die Polizei uns vielleicht wegweist, einfach so.

Das Glück ist auf unserer Seite, am nächsten Morgen können wir sogar noch das Fort besuchen. Der
Aufseher sitzt auf einem Plastikstuhl unter einem Granatapfelbaum am Schatten, die Füsse liegen auf einem Plastiktisch und so zieht er die 100 Lek Eintrittsgebühr pro Person ein, das sind etwa 80 Rappen. Sein Hund liegt im Eingang auf dem noch kühlen Steinboden und lässt sich von den wenigen Besuchern, die über ihn hinwegsteigen, nicht aus der Ruhe bringen. Das Innere des Fort lässt sich eher erahnen denn betrachten, es ist stockdunkel hinter den dicken Mauern und von den vielen Kerzen, welche als Beleuchtung dienen würden, brennt keine einzige. Das nächste mal werden wir mit einer Taschenlampe auf Besichtigungstour gehen!

Am Abend vorher ist uns der schwere, würzige Geruch in Landnähe aufgefallen, beinahe wie in einer katholischen Kirche. Unterhalb des Fort sehen wir des Rätsels Lösung: um und in den verfallenen Gebäuden liegen grosse Mengen Kräuter zum trocknen aus. Im selben Moment fährt ein Lieferwagen vor und Burschen mit Heugabeln laden das trockene Gut auf, setzen sich obenauf und winken uns beim Wegfahren fröhlich zu!

Ein Teil der Südküste Albaniens ist spannend: hohe, steile Berghänge, eher kahl bis auf viele schmale grüne Täler, die fast immer in einem kleinen Strand enden, von türkisfarbenem Wasser umspült. Wir sind stundenlang unterwegs, ohne eine menschliche Behausung zu sehen und doch sind die Kaps und Berghänge gespickt mit Kanonen- und Maschinengewehrbunkern, alles dem Verfall preisgegeben. Der Anblick ist gewöhnungsbedürftig. Wir müssen uns einmal mehr in Erinnerung rufen, dass die strenge Militär-Diktatur gerade mal vor 24 Jahren endete.

Wir laufen Bristanybay an, zu unserer Enttäuschung liegt bereits ein Segler vor Anker, mit uns dazu ist die Bucht “voll”! Der Grund fällt schnell auf grosse Tiefen ab und macht ein Ankern weiter draussen nicht mehr möglich. Wie immer türkisblaues Wasser und weisser Kieselstrand, darauf ein paar Liegestühle unter gestreiften Sonnenschirmen. Etwas zurückversetzt ein Schilfdach mit 2 Tischen und Stühlen, ein einzelnes Zelt. Über dieses Mini-Paradies herrscht Emilio mit seinem Hund Gina. Im Winter betreut er als Coach und Masseur die Fussballmannschaft von Flores, im Sommer werkelt er an seiner Campingidylle. Er har alles selber gebaut, erzählt er uns stolz. Hinten unter Bäumen steht unter einer Blache ein 20-Kilowatt-Generator. Aus einer Petflasche füllt er Diesel nach und lässt ihn etwa 1 Stunde laufen um eine Autobatterie zu laden und mit dieser betreibt er einen Kühlschrank! Etwas oberhalb wieder Ruinen von Militärunterkünften, zum Glück so weit von der Vegetation überwuchert, dass sie die Idylle nicht stören. Im Ziegenstall ohne Dach am Strand, notdürftig mit einer Blache abgedeckt, hat er sich eine improvisierte Küche eingerichtet. Der Arbeitstisch ist eine alte Türe über einem Metallgestell und der Grill eine aufgetrennte Blechtonne. Einmal pro Woche versorgt ihn sein Sohn über eine Schotterstrasse mit frischen Nahrungsmitteln und Wasser in Kanistern. Emilio kocht für uns zweimal Znacht, einmal Salat zum Zmittag und einige türkische Kaffees, und das für ganze 25 Franken!
Eines nachts bellt Gina stundenlang. Emilio erklärt uns, dass etwa 4 kleine (junge?) Wölfe öfters Wasser aus Ginas Schüssel trinken kommen, da es in der Umgebung sonst keines gebe.
Gegen die Schlangen habe er etwas Chemisches auf den Boden gestreut, das sie vertreibe. So jedenfalls verstehen wir seine wenigen Brocken Italienisch.

Nur ungern ziehen wir weiter. Der nördliche Küstenabschnitt erscheint uns weniger attraktiv: viele
Flüsse münden dort ins Meer und lassen das Wasser trüb erscheinen. Die Deltas versanden und wir müssen weit aussen durch segeln um nicht aufzulaufen. Die flache Landschaft bietet auch für`s Auge nicht viel.

Sturmwinde mit Gewittern und Regen lassen uns in Orikum, der einzigen Marina des ganzen Landes,
abwettern. Die Zeit nutzen wir für Landausflüge, gemeinsam mit zwei italienischen Familien, eine lustige und willkommene Abwechslung.
Schon wieder ein Agent, der für und das Einklarierungsprozedere erledigt? Aber wir sind doch bereits seit Sarande im Land, warum das??
Luigi, der Chef der von Italienern gebauten und betriebenen Marina, lüftet für uns dieses unübliche Vorgehen: in Albanien existiert kein Gesetz über die private Schifffahrt, anscheinend gibt es ausser den Fischerbooten kaum private Schiffe. Also sind wir vor dem Gesetz den Fähren gleichgestellt und diese müssen nun einfach in jedem Hafen neu einklarieren! Fehlt nur noch die Aufschrift auf unserem Boot “Wir sind auch eine Fähre”!!

Im Landesinneren leben noch viele Familien von der Landwirtschaft in einfachen Verhältnissen. Industrie ist wenig vorhanden, die untersten Einkommen betragen etwa 100 Euro im Monat. Auf unseren Ausflügen treffen wir nur ausländische Touristen an, viele aus dem Osten, manchmal Italiener, die Eintritte zu den Sehenswürdigkeiten sind für die Einheimischen zu teuer. Das erklärt uns Fred, der Fahrer und Reiseleiter unserer italienischen Segel-Bekanntschaft.
Die Aufseher sprechen meistens fliessend Englisch oder Italienisch und erzählen uns stolz und mit grossem Wissenshintergrund aus Geschichte und Kultur ihres Landes.
Die Albaner sind überaus hilfsbereit, freundlich, offen und irgendwie neugierig, ohne je aufdringlich zu wirken. Sie lieben ihre Autos, vor allem sauber und glänzend! In jedem noch so kleinen Dorf gibt`s ein “Lavazho”, eine einfache Waschgelegenheit für Autos und die sind meistens besetzt!
Auf der Landstrasse müssen wir einmal einer Schildkröte ausweichen. Auch Igel scheint es häufig zu geben, aber da zeigt sich leider das gleiche traurige Bild wie bei uns: plattgewalzt.
Die Dörfer und Siedlungen präsentieren sich erstaunlich sauber, was man ausserhalb leider gar nicht sagen kann: lückenlos liegt sämtlicher Unrat entlang des Strassenrandes verstreut, viel Plastik, aber auch sonst alles, was irgendwie entsorgt werden muss, Hausrat oder ausrangierte Fahrzeuge, einfach alles! Schade, da haben die Leute etwas Wichtiges anscheinend noch nicht begriffen.

Durres ist der grösste Hafen des Landes, es herrscht reger Fährverkehr, die Frachter kommen vorwiegend aus Russland, manche aus der Türkei. Diesmal machen wir vor imposanten Ladekranen fest, dahinter aufgetürmte Container neben einer riesigen Lagerhalle. Die breiten Tore sind offen, auf dem Boden liegt ein Berg Getreide und darauf tummeln sich die Tauben und picken und picken; sowas nennt man Schlaraffenland!
Wieder Turnübungen, um auf die hohe Hafenmauer zu gelangen.
Nach einer Weile nähert sich ein Hafenarbeiter und beginnt mit recht gutem Deutsch mit uns zu palavern. Seine Ausdrucksweise ist mit typischen Mundartbrocken gespickt (weisch, ich fröi mi, jessesgott…..) und er weiss vieles über die Schweiz, von Doris Leuthardt über die vier Landessprachen bis St. Moritz. Wo er denn in der Schweiz gearbeitet habe, wollen wir wissen. Da war er noch nie, überhaupt hat er sein Land erst einmal für 6 Stunden verlassen, als er seinen Bruder in Bari besuchte. Ja aber seine guten Deutschkenntnisse? Shpetims Vater war während der Diktatur der Chef der 4 Elektrizitätswerke des Landes und beruflich viel in der DDR unterwegs. Die Grund- kenntnisse hat er seinen Kindern beigebracht, seit da schaut Shpetim regelmässig Deutsches Fernsehen, aber sein Lieblingssender ist TeleZüri!!!
Er bedient einen der grossen Hafenkräne, welche Frachtschiffe mit Offengut wie Getreide, Salz, Dünger oder Betonröhren entladen. Diese sind für den Bau einer Gasleitung aus Russland geplant. Bis vor zwei Jahren hat er die 17 Kilometer Arbeitsweg mit dem Fahrrad zurückgelegt, je nach Schicht auch nachts auf unbeleuchteten Strassen, bei jedem Wetter. Jetzt fährt er einen Kleinwagen, sein Vater und der Bruder haben ihm dabei finanziell unter die Arme gegriffen.
Wenn er schnell arbeitet, erhält er manchmal vom Kapitän etwas von dem Ladegut, z.B einen Sack voll Getreide. Wenn er sich einige Säcke angespart hat, lässt er es in der Mühle mahlen und seine Frau Marime bäckt das Brot selber. Die Palette und Holzlatten, welche die Rohrstücke schützen, zersägt er im Hafen und fährt sie Kofferraumweise- früher Velogepäckträgerweise- nach Hause. Damit heizt er im Winter wenn nötig den einzigen Ofen ein, der in der Wohnküche seines Hauses steht. So spart die Familie das Geld für die Heizkosten.
Ein grosser Garten liefert Früchte und Gemüse, die Überschüsse werden getrocknet, eingekocht oder sonstwie konserviert für den Winter und so reicht das Einkommen von 250 Dollar pro Monat für die bald 4-köpfige Familie und die Grossmutter.
Das Haus ist grosszügig, etwa so gross wie unseres, sein Vater hat es entworfen, gebaut haben sie das meiste selber. Im oberen Stock lagert noch viel Baumaterial unter einer Blache, das Badezimmer besteht erst ansatzweise.
Vor dem Haus liess der Vater einen Brunnen bohren, so ist wenigstens das Wasser für den Garten gewährleistet. Für das Trinkwasser steht auf dem Dach eine Art grosse Tonne, da wird das Wasser hochgepumpt und ist somit auch verfügbar, wenn das kostbare Nass öfters für einige Stunden abgestellt wird.
Shpetim erklärt uns lächelnd, was der Name seiner Frau bedeutet: Marime heisst auf albanisch “fertig”, “Schluss”. Damals wie auch heute noch ist ein Stammhalter wichtig für einen Mann und Marime war bereits das vierte Mädchen. Offensichtlich hat der Name geholfen, das fünfte Kind war ein Knabe, anschliessend gab`s aber nochmals zwei Mädchen, Zwillinge.

Mit Shengijn laufen wir den nördlichsten albanischen Hafen an, eine trostlose Sache. Der Hafenmauer entlang läuft ein dickes Rohr um Ladung zu löschen, als Schutz mit einem rostigen Gitter umhüllt. Zu-
sätzlich zur hohen Mauer klettern wir also auch noch über dieses Hindernis. Der Quai ist übersäht mit schwarzen, porösen Brocken, fast wie Kohle. Sie knirschen unter den Schuhen und zerbröckeln und haften nachher an den Sohlen. Der Hafen wirkt ausgestorben, ein kleiner Frachter, einige Fischerboote und wir.
Der Ort selber besteht nur aus einem Strand, einer Promenade, der Strasse, einer Reihe Hotels und wenigen Häusern, abends schallt laute Discomusik durch die Bucht, gemischt mit Chilbimusik. Verkaufsstände mit billigem Ramsch und viele bettelnde Zigeuner säumen die Strasse. Alles wirkt ein bisschen schmuddelig, ausser den Autos: gross, neu , glänzend, teure Marken und auffallend viele mit CH- Kennzeichen!
Der Hafenmeister/Agent ist so speziell wie sein Name: Frrok Frokku!! Die Hafenkneipe scheint auch sein Büro zu sein. Wir sprechen ihn auf die supermoderne Einfahrt und Abfertigung für die Autos an, mit Schlagbaum und Zahlstelle und und und….. Oh, das sei nur für die Wahlen gebaut worden, sonst würden hier keine Fähren anlegen, meint er mit seinem SEHR trockenen Humor. Eigentlich wollten wir am nächsten Tag nochmals mit einem Auto das Hinterland erkunden aber in Shengijn gibt es keine zum mieten und auf Mister Frokku einen Tag lang als Tourgide haben wir einfach keine Lust! So ändert er ohne mit der Wimper zu zucken unsere Ausreisepapiere und um viele wertvolle Erfahrungen und positive Erlebnisse reicher ziehen wir weiter Richtung Montenegro.